Literarisches Fest

Perret    4. September 2017

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Diese Aussage des Philosophen Immanuel Kant aus dem Jahre 1784 bildete den Beginn und den Leitfaden des „Literarischen Festes“, das der Deutsch-Leistungskurs von Frau Holzgreve im Rahmen der Jubiläumsfeier „40 Jahre Gymnasium Isernhagen“ in der Agora der Öffentlichkeit bot und am 19.09.2017 um 19 Uhr am gleichen Ort noch einmal bot.

Der Kurs zeigte über fast zwei Stunden das Ergebnis eines anspruchsvollen, modernen Literaturunterrichts, in dem Texte deutend rezitiert, in Theaterszenen umgesetzt, Musik und moderne Medien integriert wurden. Die Moderation lag in den Händen von Moritz Rehmet, der kenntnisreich die Verbindungen zwischen den Epochen, literarischen Gattungen und Themen herzustellen sowie mit seinem souveränen Charme das Publikum einzubinden wusste. Für die begleitende Musik mit Schlagzeug, Cello und Flügel war der ausgezeichnete Jeremias Heimbach zuständig. Sein häufiger Einsatz war eine wesentliche Ergänzung der Szenen.

Den Auftakt machte Dominik Hopf mit Goethes „Faust“, den er in dem berühmten Monolog jammern und klagen ließ, weil er trotz wissenschaftlicher Forschung die Antwort auf die Frage, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, noch nicht gefunden hatte. Zwar deutete der Schüler den alternden Faust etwas eigenwillig, so leidenschaftlich und stürmisch, aber sein Habitus war mitreißend und der heftige Szenenapplaus erfolgte völlig zurecht.

Einen hintergründig-humorvollen Bezug zur aktuellen Machtpolitik lieferte die Projektion der Köpfe im Seitenportrait der Premierministerinnen von England und Schottland auf die Leinwand hinter den Königinnen Elisabeth (Carina Sievers) und Maria Stuart (Sophie Lahmann), die ein von Hass geprägtes Streitgespräch aus dem gleichnamigen Drama Schillers glaubwürdig nachspielten. Das blutrote Kleid Marias sollte wohl schon auf das von der rasenden Elisabeth veranlasste tragische Geschehen verweisen: das Ende Marias auf dem Schafott.

Obwohl der Moderator das Unverständnis Jugendlicher heute für die Gefühlswelt der Romantiker Novalis, Tieck u.a. betonte, bewiesen die stimmungsvollen aber nicht pathetischen Zitierweisen romantischer Lyrik eigentlich das Gegenteil.

Im Gegensatz zur Form bisheriger Präsention stand die folgende Talkshow mit Werbeblock und Wiedererkennungswert, den Lacher im Publikum bestätigten. Auch ironisch lassen sich gesellschaftskritische Romane vorstellen. Eine doppelte Kritik der Schülerinnen und Schüler.

Der verstörende Auftritt der Figur „Fräulein Else“ (Carina Sievers), die über die Bühne tobt, taumelt und starrt, aus dem gleichnamigen Roman A. Schnitzlers, wurde mit Zitaten des Psychoanalytikers Sigmund Freud wissenschaftlich erklärt (Luisa Köncke).

Wie die Psyche eines Menschen leiden kann, zeigte der Kurs am Beispiel „Brief an den Vater“ von Franz Kafka. Einerseits sprach Alexandros Katsamos als Kafka die Klage, sein Vater würde ihn nicht akzeptieren, erzeuge ein Gefühl der Nichtigkeit, würde ihm das Verhalten vorwerfen, das er für sich selber in Anspruch nähme u.s.f. in einem ruhigen, sachlichen Ton, andererseits schwang in der Stimme Alexandros eine tiefe Verletztheit mit. Bewundernswert.

Was, fragte Moritz einzelne im Publikum, ist ein guter Mensch? Das war die Überleitung zu Brechts Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“. Da die gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus gute Menschen existentiell scheitern lassen, müssen sie auch schlecht sein. Das wurde mit einem guten Einfall der Regie anschaulich, indem die Akteure Rücken an Rücken gebunden waren. Shen Te, der gute Mensch, konnte solidarisch sein, der nur ausgedachte, skrupellose Neffe Shui Ta, in dessen Rolle Shen Te schlüpft, kann nach einer Drehung die Kundschaft ausbeuten.

An die sehr unterschiedlichen Gedichte zum Thema Mensch schloss sich die „Ode an die Freude“ von Schiller an. Die Kursteilnehmer und das Publikum sprachen chorisch im Wechsel, Jeremias begleitete auf dem Flügel. Der kulturelle Reigen schloss mit dem Kant-Zitat des Anfangs: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das hat der Kurs mit der weitgehend eigenständigen Auswahl der Materialien und der fulminanten Präsentation unter Beweis gestellt. Und die Lehrerin, weil sie Freiraum zugelassen hat, auch.

Text: J. Mölders
Fotos: H. Drangmeister